„Bienen und Schaf ernähren ihren Herrn im Schlaf"?


Die Bienenhaltung in Deutschland ist von einem starken Rückgang an Imkern und Bienenvölkern gekennzeichnet, der im Westen schon vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten eingesetzt hatte und wahrscheinlich noch viele Jahre anhalten wird. Denn die Imkerschaft ist überaltert. Das Durchschnittsalter der etwa 90.000 Imker (Tendenz abnehmend), die in Deutschland zusammen etwa eine Million Bienenvölker halten, liegt bei fast 60 Jahren. Der Nachwuchs fehlt. Bienen halten ist besonders für junge Menschen wenig attraktiv. Abschreckend wirken neben dem schmerzhaften Stich“vergnügen“, dem sich kein Bienenhalter entziehen kann, das aber mit der Zeit seinen Schrecken verliert, die hohen Kosten am Anfang. In die Grundausstattung wie Bienenkästen, Schleuder und Sonnenwachsschmelzer muss viel Geld gesteckt werden. Und das Besitzen von Bienenvölkern allein genügt nicht, damit sie Honig und Wachs im Übermaß bringen. Man muss auch etwas von ihrer Haltung verstehen, erst dann lohnt sich die Imkerei. Neben einer Grundausbildung, die man sich durch Besuch einiger Kurse am Wochenende und durch Studium von Büchern und Fachzeitschriften aneignen kann, sind einige Jahre Erfahrung notwendig, bis die Haltung von Bienenvölkern leicht fällt und Gewinn abwirft. Etwa fünf Jahre nach dem Einstieg kann das Sprichwort „Bienen und Schaf‘ ernähren ihren Herrn im Schlaf“ durchaus zutreffen, mindestens was die Bienen angeht.

Doch auch dann wäre Bienenhaltung kein Honiglecken. Wer seinen Lebensunterhalt als Berufsimker bestreiten will, muss nicht nur einige Hundert Bienenvölker halten (können), er muss auch fit sein in der Vermarktung seiner Bienenprodukte. Deshalb gibt es nur wenige echte Berufsimker in Deutschland. In Baden-Württemberg sind es ein oder zwei Dutzend von etwa 16.000. Ihr Anteil an der Imkerschaft liegt bei etwa ein Promille.

Über die Hälfte der Imker Deutschlands sind südlich des Mains zu Hause. Ein Grund dürfte darin liegen, dass in den Tannen- und Fichtenwäldern Süddeutschlands dunkle Honigtauhonige geerntet werden können, die wegen ihres würzigen Geschmacks beim Kunden sehr begehrt sind und sich deshalb gut und teuer verkaufen lassen, auch deshalb, weil in der Regel die Nachfrage das Angebot übersteigt und es wenig ausländische Konkurrenz gibt.

Leider honigt der Wald nicht jedes Jahr, sein Vorhandensein allein genügt nicht. Eine Wald- und Tannentracht im Sommer kommt nur zustande, wenn sich vorher die bienenwirtschaftlich wichtigen Honigtauerzeuger in Massen vermehrt haben, sodass genügend Honigtau anfällt. Dann muss außerdem das Wetter stimmen, damit die Honigtautracht von den Bienen(haltern) genutzt werden kann.

Neben dem Wald sind in Baden-Württemberg Obst, Löwenzahn und vor allem Raps die bedeutendsten Trachtquellen. Aus der Blütentracht sind Erträge bis zu 50 kg Honig pro Volk möglich. Allerdings nicht überall. Wie bei der Honigtautracht ist auch bei der Nektartracht die Honigleistung eines Bienenvolkes sehr stark vom Standort abhängig. So ist der Honigertrag aus der Rapstracht auf den fruchtbaren Fildern vor der Toren Stuttgarts in der Regel sehr bescheiden. Der Imker kann ein Mehrfaches an Rapshonig ernten, wenn er mit seinen Völkern die Rapsfelder auf der Schwäbischen Alb anwandert.
 
Wer Erfolg (= viel Honig) haben will, muss nicht nur verstehen, seine Völker so zu führen, dass sie dann, wenn Nektar und Honigtau fließen, leistungsstark sind (und bleiben), sondern vorher (!) dafür sorgen, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Platz stehen. Deshalb ist neben der Völkerführung auch die Beobachtung der Tracht eine wichtige Voraussetzung für ihre optimale Nutzung. Nebenbei wird so bei den betroffenen Kulturpflanzen der Ertrag durch Bestäubung unentgeltlich (!) gesichert. Honigbienen haben in dieser Beziehung ihren wild lebenden Verwandten (Hummeln und Solitärbienen) einiges voraus. Ihr größter Vorteil: Sie sind bereits im Frühjahr in großer Zahl vorhanden, weil sie als einzige Bienenart in Volksstärke überwintern. Das macht sie als Bestäuber auch für viele Wildpflanzen so wertvoll.
 
Seit den 80er Jahren beherrscht die Varroamilbe die Szene. Sie ist weltweit ein Problem. Der aus Asien stammende Parasit befällt die Bienen und schädigt ihre Brut. In Baden-Württemberg gibt es kein Volk, das frei von dieser Milbe ist. Während der Brutperiode, von März bis Oktober, vermehrt sich die Varroamilbe ungehemmt.
 
Der kritische Zeitraum für die Bienenvölker liegt im Spätsommer, wenn die wertvollen Winterbienen aufgezogen werden. Diese können nur gesund zur Welt kommen, wenn sie von dem Parasitenbefall verschont bleiben.
 
Ohne medikamentöse Hilfe geht das nicht. Bienenvölker müssen regelmäßig gegen die Varroamilbe behandelt werden, sonst sterben sie. Die jährlich notwendige Varroabehandlung schafft zusätzliche Probleme. Fettlösliche Wirkstoffe reichern sich im Wachs an und können von dort in den Honig übergehen. Rückstandsfunde im Honig erschweren seine Vermarktung. Die Varroamilbe hat die einheimische Bienenhaltung in eine schwere Krise gestürzt.
 
Die Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim befasst sich mit der Varroamilbe seit ihrem Auftreten. Von Anfang an lag ein Schwerpunkt auf der Biologie des Parasiten, insbesondere auf der Entwicklung des Milbenbefalls im Bienenvolk, ohne deren Verständnis eine „vernünftige“ Varroabekämpfung nicht möglich ist. Aus den langjährigen Untersuchungen ist das „Varroatosebekämpfungskonzept Baden-Württemberg“ geworden, das ohne Anwendung Rückstände bildender Medikamente auskommt Die Bekämpfung „im Dreierpack“ setzt auf den Einsatz der Drohnenbrut als Varroafalle, auf die zweimalige in die Spätsommerpflege integrierte Anwendung von Ameisensäure zum Schutz der Winterbienen(brut) sowie eine Nachbehandlung im Spätherbst mit Oxalsäure.
 
Die Hohenheimer Landesanstalt hat neben der Varroamilbe und ihrer Bekämpfung noch andere Arbeitsgebiete, die seit vielen Jahren beackert werden: die für die Vermarktung wichtige Honigqualität und Rückstandsanalytik, das Spannungsfeld von Pflanzenschutz und Bienenschutz besonders im Wein- und im Obstbau, die Beobachtung und Prognose der Waldtracht. Außerdem beschäftigt sie sich mit der Haltung und der Zucht der Honigbiene. Jahr für Jahr werden Leistungsvergleiche durchgeführt, in denen Bienenherkünfte, Material und imkerliche Maßnahmen auf dem Prüfstand stehen. Ein fünfjähriger Vergleich von Carnica- und Buckfastbienen hatte das Ergebnis: keine Unterschiede. Die Antwort auf die Beutenfrage lautet: Die einfach(st)e ist die beste! Das gilt auch für die Völkerführung. Die Ergebnisse der angewandten Forschung fließen in das umfangreiche Kursangebot ein, mit dem die Landesanstalt gemeinsam mit den beiden Landesverbänden in Baden und Württemberg versucht, den Rückgang an Imkern und Bienenvölkern aufzuhalten. Noch können wir keine Entwarnung geben.

 

Dr. Gerhard Liebig, Landesanstalt für Bienenkunde, D-70593 Stuttgart